Rund 2,5 Millionen E-Bikes sind auf Deutschlands Straßen unterwegs. Im vergangenen Jahr wurden 535.000 Pedelecs verkauft. Motorunterstütztes Radfahren hat sich durchgesetzt. Alle relevanten Fahrradmarken produzieren mittlerweile E-Bike-Varianten für jeden Fahrradtyp. Denkt man über die durchaus kostspielige Anschaffung eines Pedelecs nach, ist man meist überfordert. Das Angebot ist immens. Auf der Suche nach einem Experten hat sich think-e Autorin Johanna Stöckl mit Thomas Musch zu einem Interview getroffen. Der passionierte Rennradler ist unter anderem Chefredakteur des Magazins E-BIKE, das seit 2013 in München entsteht.

 

Fahren Sie selbst E-Bike?

Musch: Ich bin leidenschaftlicher Rennradfahrer, nutze aber auch E-Bikes mit großer Begeisterung, was sich in meinem Beruf widerspiegelt. Ich verantworte als Chefredakteur sowohl das Rennradmagazin TOUR als auch das Pedelec-Magazin E-BIKE.

 

Ohne Vorbehalte aufs E-Bike gestiegen?

Musch: Ich fand E-Bikes von Anfang an eine interessante Ergänzung und war frei von Vorbehalten. Für eine Geschichte in unserem Magazin koppelte ich einmal ein Pedelec mit einem Anhänger, um große Wochenendeinkäufe zu erledigen. Klappt wunderbar. Man kann also auf das Auto verzichten. Wer’s sportlicher mag, wird auf einem E-Mountainbike Spaß haben und seinen Radius enorm erweitern. Mit einem Pedelec kommt man sicher nach Hause, kippt nicht vor Erschöpfung vom Rad. Über den Daumen gepeilt hat man mit einem Pedelec 80 Kilometer Reichweite. Man kann damit bedenkenlos längere Touren unternehmen.

 

Was ist der Unterschied zwischen einem E-Bike und einem Pedelec?

Musch: Es herrscht eine gewisse Begriffsverwirrung. E-Bikes, von denen wir sprechen, heißen eigentlich Pedelecs. Sie sind motorunterstützt. Man muss in die Pedale treten, ehe man vom Motor profitiert. E-Bikes fahren auch ohne Pedalantrieb.

 

Gibt es jeden Fahrradtyp auch als Pedelec?

Musch: Ja. Es gibt mittlerweile elektrifizierte Varianten von City-Rädern, Trekkingrädern, Mountainbikes, Rennrädern, es gibt E-Falträder, E-Lastenräder usw. Alle relevanten Marken produzieren Pedelecs.

 

E-Falträder? Wer kauft denn so was?  

Musch: Für jemanden, der sein Rad etwa im Zug mitnehmen möchte, ist das sehr wohl relevant. Auch für Wohnmobilisten oder Yachties, die auf Stauraum achten müssen. Ein E-Faltrad ist für Gelegenheitseinsätze ideal.

 

In der Anschaffung sind Pedelecs sehr teuer.

Musch: Das ist relativ. Ein gutes Rennrad oder MTB ohne Antrieb kostet gerne mal 3.000 Euro aufwärts. Für ein passables Pedelec sollte man mindestens 2.000 Euro einplanen. Da das E-Bike ein komplexes, beratungsintensives Produkt ist, sollte man unbedingt einen Fachhändler aufsuchen, sich eingehend beraten lassen und Probefahrten machen. Ohne eine solche würde ich selbst nie ein Pedelec kaufen.

 

Wie unterscheiden sich normale Fahrräder und Pedelecs im Fahrverhalten?

Musch: Um es zu verknappen: Pedelecs sind deutlich schwerer, was natürlich das Fahrverhalten beeinflusst. Über die jeweilige Position von Akku und Motor verändert sich die Schwerpunktlage. Damit muss man sich vor dem Kauf beschäftigen. Es gibt Pedelecs mit Front-, Mittel- und Heckmotoren.

 

Wozu raten Sie einem Pedelec-Einsteiger?

Musch: Pauschal gesagt, kommen Pedelecs mit Mittelmotor aufgrund mehrerer Faktoren dem herkömmlichen Rad im Fahrverhalten am nächsten. Der Schwerpunkt ist mittig, an der tiefstmöglichen Stelle.

 

Wann raten Sie zu einem Frontmotor-Antrieb?

Musch: Da sich der konstruktive Aufwand bei Frontmotoren in Grenzen hält, ermöglicht er relativ preisgünstige Pedelecs. Im flachen Norddeutschland findet man viele E-Bikes mit Frontmotoren. Auf Schotter, steileren Wegen oder auf regennassen Straßen allerdings besteht die Gefahr, dass das Vorderrad durchdreht. Man kann in der Ebene damit glücklich werden, aber als vielseitiges Allzweck-Rad würde ich es nicht empfehlen.

 

Die Vorteile eines Heckmotors?

Musch: Heckmotoren sind stark, zuverlässig und werden gerne in Tourenrädern verwendet. Wenn allerdings auch noch der Akku über dem Hinterrad platziert ist, liegt der Schwerpunkt weit hinten, was gerade bei Tiefeinsteigern wie dem klassischen Damenrad zu problematischem Fahrverhalten bzw. Flattern des Lenkers führen kann. Kurzum: Einem Pedelec-Anfänger würde ich zu einem Mittelmotor raten.

 

Ich will den täglichen Arbeitsweg per Pedelec zurücklegen. Welches Rad kaufe ich?

Musch: Ein E-City-Bike. Sollte man aber grundsätzlich auf Auto und S-Bahn verzichten und längere Strecken zurücklegen, würde ich gleich ein hochwertiges Trekking- bzw. Tourenrad kaufen. E-City-Bikes sind nämlich meist Tiefeinsteiger, über deren Vor- und Nachteile man sich im Klaren sein muss. Wer den tiefen Einstieg unbedingt braucht, muss in Probefahrten testen, ob das Rad im Fahrverhalten auch stabil genug ist, es zu keinen Flatterbewegungen am Lenker kommt. Es hilft natürlich auch, Fachmagazine und deren Testergebnisse zu studieren. Außerdem: Wer hauptsächlich in der Stadt fährt und selten länger als 20 Kilometer am Stück, dem rate ich zu einem leichteren, weniger reichweitenstarkem Akku. 400 Watt-Stunden reichen völlig aus. Man kann den Akku ja im Büro wieder aufladen.

 

Womit wir bei der Gewichtsfrage wären. E-Bikes sind schwer.

Musch: Deshalb sollte man sich vor der Anschaffung fragen, wo das Pedelec abgestellt wird und ob es viel getragen und rangiert werden muss. Ebenerdig in der Garage oder im Keller bzw. dritten Stock? Pedelecs wiegen zwischen 25 und 28 Kilo. Ein 20-Kilo-Pedelec gilt schon als sehr leicht. Im Vergleich dazu ist ein unmotorisiertes Stadtrad mit 15 Kilo ein Leichtgewicht.

 

Gebraucht kaufen – bei Pedelecs wohl eher nicht ratsam?

Musch: Kommt darauf an. Gewährt der Fachhändler auf ein gebrauchtes E-Bike zum Beipsiel eine Garantie, ist dagegen nichts einzuwenden. Man kann auch von Bekannten ein gebrauchtes Pedelec kaufen, wenn man weiß, was die damit gemacht haben. Das Thema Akku-Haltbarkeit wird aber früher oder später relevant. Die Hersteller machen dazu gezielt Angaben und versprechen bis zu 1.000 volle Ladezyklen.

 

Stichwort: Reparaturen.

Musch: Erster Ansprechpartner sollte immer der Händler sein. Er kann beurteilen, ob Probleme bzw. Defekte auf normalen Verschleiß zurückzuführen sind, oder ein konstruktiver Mangel vorliegt. In den ersten zwei Jahren ab dem Kauf haftet der Händler für ein mängelfreies Produkt. Er wird sich dann im Schadensfall an seinen Lieferanten bzw. den Hersteller des Rades wenden.

 

Was halten Sie von E-Rennrädern?

Musch: Da Pedelecs nur bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h unterstützen, ist das derzeit kein Thema. Da fängt der Spaß beim Rennradfahren doch erst an! Ein trainierter Rennradfahrer fährt deutlich schneller. Ein E-Rennrad, das Rennradler akzeptieren könnten, braucht einen kleinen, leichten Antrieb, den man bei Bedarf zuschalten kann, der die Silhouette nicht verändert und das Rad nicht zu schwer macht. Vivax, ein österreichisches Unternehmen, ist Vorreiter auf diesem Gebiet. Es gibt auch S-Pedelecs (Anmerkung: „S“ steht für Speed), deren Motoren bis zu 45 km/h unterstützen; die benötigen allerdings ein Versicherungskennzeichen und man braucht einen Führerschein, da diese Pedelcs als Kleinkrafträder gelten. Mit dem klassischen Rennrad hat das dann aber gar nichts mehr zu tun.

 

Ausgewählte E-Bikes nach Kategorie, Hersteller, Gewicht und Preis

TIEFEINSTEIGER, Hersteller: Riese & Müller, Modellbezeichnung: Nevo City, Gewicht 26,4 Kilo; Preis 3.399 Euro

Ein schlicht moderner Tiefeinsteiger mit steifem Rahmen und perfekter Gewichtsverteilung, dadurch sehr fahrstabil; mit feinfühliger Teleskopstütze, guter Federgabel und breiten Reifen zudem sehr komfortabel zu fahren.

Ein schlicht moderner Tiefeinsteiger mit steifem Rahmen und perfekter Gewichtsverteilung, dadurch sehr fahrstabil; mit feinfühliger Teleskopstütze, guter Federgabel und breiten Reifen zudem sehr komfortabel zu fahren. Foto: Daniel Simon

CITYBIKE, Hersteller: Victoria, Modellbezeichnung: eManufaktur 9.6, Gewicht 27,8 Kilo;, Preis 3.299 Euro

Ein aufwendig verarbeitetes und hochwertig ausgestattetes Citybike; die Federgabel spricht sensibel an, die Sattelstütze dämpft wirkungsvoll. Durchzugsstarker Bosch-Motor mit kinderleicht zu bedienender Getriebenabenschaltung.

Ein aufwendig verarbeitetes und hochwertig ausgestattetes Citybike; die Federgabel spricht sensibel an, die Sattelstütze dämpft wirkungsvoll. Durchzugsstarker Bosch-Motor mit kinderleicht zu bedienender Getriebenabenschaltung. Foto: Daniel Simon

TOURENRAD, Hersteller: Simplon, Modellbezeichnung: Chenoa HS 60, Gewicht: 19,8 Kilo; Preis 4.424 Euro

Ein perfekter E-Tourer. Der leichte, hochwertige Carbonrahmen drückt das Gesamtgewicht auf (für ein Touren-Pedelec) rekordverdächtige knapp 20 Kilogramm. Ein sportliches, fahrstabiles Rad, in dessen Sattel man sich viele Stunden wohlfühlt.

Ein perfekter E-Tourer. Der leichte, hochwertige Carbonrahmen drückt das Gesamtgewicht auf (für ein Touren-Pedelec) rekordverdächtige knapp 20 Kilogramm. Ein sportliches, fahrstabiles Rad, in dessen Sattel man sich viele Stunden wohlfühlt. Foto: Daniel Simon

Wer sich mit dem Thema Pedelec eingehender beschäftigen möchte, kann auf der Verlagswebseite von Delius Klasing ältere Ausgaben der E-BIKE (je € 5,50) nachbestellen oder sich auf der sehr übersichtlichen Webseite des Magazins in aller Ruhe einlesen (Kaufberatungen, Testergebnisse, Zusatzequipment, Reisereportagen) und so einen ersten Überblick verschaffen. Ebenfalls bei Delius Klasing erscheint der Titel „EMTB“, ein eigenes Magazin für E-Mountainbikes.