Der Audi e-tron Vision Gran Turismo, die Weltpremiere. Think E ist als eines von nur ganz wenigen Medien nach Ingolstadt gedüst, hat Platz genommen in Audis neuem, voll elektrischen 813-PS-Renntaxi für die Formel E, seine Ingenieure sowie Designer getroffen und mit dem Mann gesprochen, der die ganze Vision erst zum Rollen brachte: Kazunori Yamauchi. Legende, Rennfahrer und Chefdesigner des meistverkauften Rennspiels der Welt – Gran Turismo.

Der Audi e-tron Vision Gran Turismo ist eines dieser Autos, das Hypercar-Fans zum Schwärmen bringt. Er hat nicht die Eleganz eines Audi R8, sondern eine eher maskuline Aura. Die klassischen Audi-Linien treffen hier auf ein sehr wuchtiges Design und einen massiven Frontspoiler, der allerdings harmonisch ins Fahrzeugkleid hineingleitet. Lang ist er und tief gelegt, die Farben replizieren ganz bewusst den legendären Audi 90 Quattro IMSA GTO, der über Jahre den Rennsport dominierte. Schließlich bleibt die Vision keine Vision, sondern wird bereits am Wochenende in Rom die Formel E als Renntaxi bereichern. Und dann dieser Antrieb, Wahnsinn. Meint auch Kazunori Yamauchi, Chefdesigner und Präsident von Polyphony Digital. In der Videospielbranche wird er wie ein Popstar gefeiert und auch die Auto-Landschaft verehrt ihn. Mercedes und Nissan haben für ihn und sein Spiel Prototypen gebaut, Red Bull gar ein Rennauto mit Formel-1-Technik, quasi den Vorgänger des Aston Martin Valkyrie, mit dem wir bereits das Vergnügen hatten. Und was sagt der passionierte Rennfahrer zum Audi e-tron Vision Gran Turismo?

„Ein Wahnsinnsauto. Bringt das Drehmoment direkt auf die Strecke“

Ein Wahnsinnsauto. Er muss nicht hochdrehen, sondern bringt das Drehmoment von Sekunde Eins an auf die Reifen. Du drückst das Gas durch und wirst förmlich in den Sitz gepresst, wie ich das sonst nur von einem Bugatti Veyron kenne. Als ich aus der Haarnadelkurve rausbeschleunige, stempeln die Reifen an der Hinterachse.“ Audi hat den maximal möglichen elektrischen Energiefluss zwischen Batterie und Motoren für das Rennmodell drastisch erhöht. Insgesamt 600 kW, ein Elektromotor mit 200 KW vorn und fürs Torque Vectoring zwei mit der jeweils selben Leistung hinten, schieben und ziehen den Rennwagen mit über 1000 Nm Drehmoment durch die Kurven. Zur Kraftverteilung dient aber auch ein permanenter Allradantrieb und eine vordere Differenzialsperre. „Er hat aber auch eine tolle Präzision, spricht sehr direkt an“. Yamauchi kennt sich aus, der 50-jährige Rennspieldesigner hat nicht nur etliche tausend Stunden in seinem aktuellen Werk Gran Turismo Sport auf der Uhr, sondern wird auch wieder bei den 24 Stunden vom Nürburgring antreten. „Wir erleben gerade eine unfassbar spannende Zeit“, erzählt er im persönlichen Gespräch mit Think-E-Autor Benjamin Kratsch. „Das ist gerade wie vor 125 Jahren, als der Otto-Motor erfunden wurde. Alles auf Anfang, alles neu. Sehr viele neue Firmen kommen in den Markt, Tesla, Rimac und viele andere. Und E-Motoren ermöglichen ein ganz anderes Design und Konstruktion eines Autos: Es braucht kein Differential mehr, E-Motoren sind leichter als Verbrenner, benötigen auch weniger Platz.“ Dem stimmt Andreas Mindt zu, Head of Design des Audi Vision Gran Turismo. „Wir merken bei unserer ganzen e-tron-Linie wie viel Spielraum wir durch E-Technologie gewinnen. Die Motoren sind kleiner, sie brauchen nicht mehr den Luftstrom der großen Frontgrills, wodurch wir hier gerade anfangen, mit neuen Sicherheitskonzepten, LED-Technologie etc. zu experimentieren. Eine sehr spannende Zeit.“ Ob Audi die Erkenntnisse des Vision direkt in einem e-tron R8 2018 umsetzt, kommentiert er nur mit einem Lächeln.

25 Konzepte hat Audi entworfen und sich dann für den Realismus entschieden

 „Es erfüllt mich mit einigem Stolz, dass wir ja schon viele Production-Designs für Hollywood geliefert haben“, erzählt der Audi-Designer. „Will Smith fuhr damals in iRobot eine futuristische Variante jenes Autos, das später der R8 wurde. Viele der Konzepte waren UFOs, also sehr zukunftsgewandt. Wir haben beispielsweise mit Roboterautos experimentiert, die sich wie Drohnen steuern lassen. Aber das hätte nicht zur Marke Gran Turismo gepasst: Im Spiel sitzen Sie vor einem perfekt ausgearbeiteten, sehr detaillierten Cockpit. Die zwei Griffhörner und Paddles sind mit Knöpfen bestückt, etwa für den Fahrerfunk und die Bremsbalance. Das ergibt übrigens ein ganz besonderes Gefühl der Immersion, wenn Sie den e-tron Vision mal mit Playstation VR fahren. Kann ich nur empfehlen“. Playstation VR ist Sonys hauseigenes VR-Headset, welches in der Tat ein beeindruckendes Mittendrin-Gefühl erzeugt. Sie sehen, wie Ihre Hände arbeiten, können sich über das Drehen des Kopfes im Cockpit umschauen und bekommen ein schönes Gefühl dafür, wie es so ist, mit dem echten Audi eTron Vision Gran Turismo mit 225 km/h über die Piste zu brettern.

Exotischer Sound, kurz vor Warp-Antrieb

Schade, dass es aktuell keine Pläne gibt, den Audi Vision Gran Turismo zumindest in kleinen Stückzahlen zu verkaufen. Denn die Power ist nicht von dieser Welt. Wer mal im Tesla Roadster oder Rimac gesessen hat, der weiß, wie unmittelbar E-Hypercars die Kraft ihrer Motoren auf die Reifen bringen. Nach 2,5 Sekunden sind wir auf 100 km/h, nach 5,2 auf 200 – der Audi Vision muss sich nicht vor der Elite der Hypercars verstecken, wird allerdings elektrisch abgeriegelt bei nur 225 km/h, sonst wäre die Batterie schneller leer. Der Sound klingt übrigens sehr exotisch, ein wildes Zischen, wie als würde man den Warp-Antrieb in der Enterprise befehlen. „Man muss sich daran gewöhnen, er brüllt nicht seine Kraft heraus wie ein Verbrenner“, erklärt Kazunori Yamauchi. „Persönlich habe ich mich aber schnell darin verliebt. Es klingt futuristisch, wie als würde man in einem Raumschiff sitzen und im Wageninneren hörte ich nur ein Zischen, so wie das bei Kampfjetpiloten ist. Kein Vergleich zu meinem GT-Rennwagen, bei dem ich Kopfhörer tragen muss, sonst würde ich mein Trommelfell beschädigen. Ich freue mich auf die neue E-Ära.“

Autor: Benjamin Kratsch