Elon Musks E-LKWs werden die Welt verbessern, haben aber noch Probleme. 

Der Luftwiderstand niedrig wie beim Bugatti Veyron, von 0 auf 100 in 20 Sekunden bei 30 Tonnen Last, 1.200 Wattstunden pro Kilometer und eine Ausfallgarantie von 1.600.000 Kilometer: Bereits 1000 Tesla Semis wurden vorbestellt, auch weil die Kalifornier 20 Prozent niedrigere Kosten gegenüber dem Diesel versprechen. Doch was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Was sind die potentiellen Vorteile von E-LKWs, wo liegen die Nachteile? Elon Musk ist der größte Disruptor unserer Zeit, ihm liegen aber noch viele Steine im Weg.

 Die größten technischen Innovationen kommen aktuell aus der Automobilbranche. Der größte Disruptor ist sicherlich Elon Musk: Multi-Milliardär, hat Paypal erfunden und verkauft, Tesla gegründet, hat einen Vertrag mit der NASA, um mit SpaceX Güter zur ISS zu fliegen und plant gerade, komplett Los Angeles zu untertunneln, einfach damit diese nervigen Staus in seiner kalifornischen Heimat mal ein Ende finden. Eine Fahrt von L.A. Downtown zum Flughafen LAX würde dann nur sechs statt 40 Minuten dauern. „Ich fände es traurig, wenn sich die Welt nicht weiterentwickeln, sondern einfach stehenbleiben würde“, sagte er auf der Unternehmerkonferenz TEDx. Er war es auch, der den Elektromotoren-Zug ins Rollen gebracht hat. Eine Technologie, die disruptiv ist, aber notwendig:

  • E-Motoren sind leise: Wir haben die Chance, die Lautstärkebelastung in Großstädten zu dämpfen. Laut sind vor allem Fahrzeuge, die hohe PS-Leistung brauchen: Busse und LKWs.
  • E-Motoren sind sauber und emissionsfrei: Erst kürzlich berichteten wir über erhöhte Feinstaubbelastung in Deutschland, und warum gerade E-Busse so wichtig sind für die Bundesrepublik.
  • E-Energie ist erschwinglich: Wir können sie vor der eigenen Haustür produzieren, statt sie wie Öl aus dem Nahen Osten importieren zu müssen. Deshalb sind auch die Preisschwankungen sehr viel geringer.

Der Nutzen: Warum Walmart, Pepsi, DHL, UPS & Co. für 147.000 Euro vorbestellt haben

 Der Tesla Semi ist smart konzipiert: Die Scheiben bestehen aus einem leichteren Panzerglas, weil LKWs in den meisten Ländern bei Steinschlag ab einer gewissen Länge (1,9 Zentimeter) nicht mehr fahren dürfen. Panzerglas verringert die Ausfallquote. Der Verbrauch scheint verhältnismäßig gering zu sein, wobei hier noch Erkenntnisse aus dem Alltag fehlen. Stimmen die Tesla-Angaben, dann braucht der Semi-Truck lediglich 1200 Wattstunden pro Kilometer. Das entspräche dem vierfachen Wert von Teslas aktuellem Topmodell, dem 100D. Also wirklich sehr niedrig. Der Grund dafür liegt in Design und Form, welche nicht ohne Grund sehr weich und feminin wirkt: Der Tesla Semi hat einen cw-Wert von 0,36, also einen Luftwiderstand vergleichbar mit einem Supersportwagen wie dem Bugatti Veyron. Die modernsten Diesel-LKWs liegen aktuell bei 0,51, weil sie Auspuffrohre haben, Bremsen, die Luftzufuhr brauchen und der Fahrer ob der großen Motoren sehr weit oben sitzt. MAN, Daimler & Co. werden hier ganz schön unter Druck gesetzt und müssen reagieren, was gut fürs Budget der LKW-Nutzer, aber letztlich auch die Umwelt und Menschen ist. Diesel-LKWs rumpeln laut durch unsere Innenstädte, so ein E-Kollege hingegen ist sehr viel leiser.

Die Einsatzzwecke: aktuell weniger Langstrecke, mehr Transport von Stadt zu Stadt

Der Tesla Semi ist zum einen für kleine Länder wie Deutschland wunderbar geeignet, weil es bei uns keine langen Distanzen gibt. Von München nach Berlin sind es knapp 600 Kilometer, der Semi schafft 800. Knapp wird es lediglich für die Fahrt in die nördlichste Stadt Deutschlands, für die 934 Kilometer nach Flensburg müsste man für 30 Minuten an die E-Tankstelle. Es gibt übrigens bereits E-LKWs auf deutschen Straßen, BMW bewerkstelligt so seinen Werksverkehr mit eher kleineren Fahrzeugen. 14 E-LKW-Fabrikanten gibt es bereits weltweit, warum braucht es also überhaupt Tesla? Weil diese Kraftfahrzeuge nur geringe Reichweiten haben, niemand kann aktuell Batterien mit 800kWh wie Tesla bauen. Zudem interessant: Bestellt haben Pepsi, DHL, UPS und Walmart: Alles Konzerne, die genau wissen, wie weit die Strecken zwischen Lager und Lieferstandort sind und diese Kosten permanent optimieren müssen. Der Einsatzzweck liegt also bei Kurz- und Mittelstrecken.

Die Risiken: für Tesla und unsere Gesellschaft

Für Musk und Tesla ist der Truck der „Make-or-Break“-Moment der Firma: 500 Millionen Euro Verlust machte man im letzten Quartal 2017, auch weil die Produktion des Model 3 sehr viel schleppender verläuft als geplant. Nur 1.550 Autos rollten im letzten Quartal vom Band, darüber können die Großen nur lachen. Zudem wird spannend sein, wie Tesla die relativ günstigen Semi-Trucks refinanzieren will: Der Kleine mit 480 Kilometer Reichweite kostet 123.000 Euro, der Große mit 800 Kilometern soll bei 147.000 Euro liegen. Batterie-Experten gehen aber davon aus, dass die Batterie bereits rund 82.000 Euro kosten dürfte. Musk wettet also darauf, in Zukunft sehr viel günstiger in seiner eigenen Gigafactory in Nevada produzieren zu können. Unsere Gesellschaft würde viel gewinnen, gefährlich ist allerdings Musks Hunger selbstfahrende Fahrzeuge zu entwickeln. Setzt sich Tesla durch und sollte der Gesetzgeber mitspielen, könnten langfristig hunderttausende Jobs in Gefahr geraten – von LKW-Fahrern, aber auch Reparatur-Werkstätten und Zulieferern, weil der Semi-Truck Rekuperationsbremsen nutzt. Er muss also viel seltener gewartet werden. Die Zukunft wird faszinierend, sauberer und leiserer. Es bleibt allerdings die Frage, ob unsere Gesellschaft schon bereit ist für eine derart große Disruption.

Autor: Benjamin Kratsch