Okay, wow. Wir haben dieses Jahr schon viel gesehen, erlebt und gefahren. Aber Renaults Studie Symbioz ist eine Revolution für die Funktion des Autos: wenn das Auto direkt ins Wohnzimmer fährt. Die Franzosen bauen gerade nicht nur ein Wohnzimmer auf vier Rädern. Sondern auch ein Fahrzeug, das sich in ein modulares Smart-Home integriert. Es fährt in einen Aufzug rein, der bringt es in den zweiten Stock und dort öffnen sich simultan Fahrstuhltür und Salon-Doors des Symbioz. Es wird so nicht nur zum Schlafzimmer für Gäste, sondern auch Gehirn des Hauses – schließlich kann das jetzt auf den Supercomputer des Autos zugreifen.

 

Scheint, als wolle Renault in Zukunft auch komplette Häuser anbieten, denn beim Symbioz werden Auto und Haus zu einer Einheit. Das Fahrzeug ist eine schicke Luxus-Limousine, kupferfarbene Kohlefaser kennen wir sonst eher aus dem High-Performance-Segment von Porsche. Das ganze Fahrzeug befindet sich im Fluss, es gibt keine Ecken oder Kanten, die Aerodynamik ist perfekt. Trotzdem behält man sich die liebgewonnene Designsprache von Renaults Laurens van den Acker bei. Das Vehikel ist ohne Frage spektakulär: Lounge-Chairs, wie sie gerade bei allen Herstellern für Concept-Cars en vogue sind, lassen sich nach innen drehen.

Die Daten im Überblick:

E-Leistung: 500 kw / 680 PS

Maße: 3 Meter Radstand, 23 Zoll-Reifen, genauere Maße noch nicht bekannt

Premium-Features: Komplett durchgehendes Glasdach, Sitze um 180 Grad drehbar Drei unterschiedliche Ambiente-Einstellungen, die den Sound, Glasdachfarbe sowie Innenraumbeleuchtung und Duft beeinflussen: Renault hat dafür drei alkoholfreie Parfümsorten kreieren lassen (Klassik, Dynamik, Autonom)

Autonomes Fahren: Level 4 Automatik: In der Regel kein Eingreifen des Fahrers mehr erforderlich (EU und der deutsche Staat müssen hierfür noch bis 2030 die Erlaubnis erteilen.) 

Preis:  Noch geheim. Unklar ist auch, ob sich Renault Symbioz und das Hightech-Haus Concept Home im Paket erwerben lassen. (vermutlich deutlich siebenstellig)

Verfügbarkeit: Aktuell noch im Konzeptstadium (Release ca. für 2030 angedacht)

 

Ähnlich wie der Mercedes F015 ist der Symbioz für Managertypen gemacht, die während der Fahrt eine Konferenz abhalten wollen. Oder Pärchen, die kuscheln wollen. Oder auch Familien, die Kernzielgruppe von Renault. Die Sitze lassen sich aus dem Weg fahren, so gibt’s genug Spielfläche für die Kleinen. Das ist wohlgemerkt ziemliches Wunschdenken, Sicherheitsaspekte könnten so kaum berücksichtigt werden.

Aber bei einer Machbarkeitsstudie geht es ja prinzipiell erstmal darum, was technisch möglich ist. Und das ist mehr als nur beeindruckend: Der Symbioz fährt nämlich nicht wie ein normales Auto in die Garage Ihres Hauses, sondern in eine Glaskapsel, die als Aufzug dient.

Ein Auto als Gästebett-Erweiterung für Haus

Laurens van den Acker will mit dem Symbioz-System eines der größten Probleme unsere Städte lösen: Mangelnden Wohnraum. „Die Art, wie wir unser Auto verwenden, wird sich radikal ändern“, sagt Thierry Bolloré, Renaults Executive Vice President and Chief Competitive Officer. „Schon heute personalisieren wir unser Auto, arbeiten mit K.I.-Assistenten, die unser Leben vereinfachen. Aber 2023 werden sie ein Teil unseres persönlichen Wohnraums sein. Wir nennen das Renault Easy Life. Es gibt keinen Grund, ein Auto in einer Garage abzustellen, wenn es doch eigentlich als Bar-Lounge auf der Terrasse bei einer Party dienen könnte? Oder als Wohn-Pod für Gäste.“

Das Auto ist 4,70 Meter lang, prinzipiell ist hier genug Platz zum Schlafen. Und das ist nicht nur eine wilde Idee, Renault hat auf der IAA zusammen mit Architekten und Tech-Startups wirklich ein Haus gezeigt, das all das kann. Es lässt sich modular verwenden: Sie können beispielsweise ins Wohnzimmer fahren, die Salon-Türen per Spracheingabe öffnen lassen und so die vier im Auto verbauten Lounge-Chairs als Erweiterung zu Ihrer Couch-Landschaft verwenden. „Das hier ist ein Kunstwerk auf vier Rädern. Warum sollten Sie es in einem düsteren, kalten, traurigen Raum wie einer Garage verstecken?“ fragte Head of Design Laurens von den Ackern in die Runde von hunderten Journalisten auf der Pressekonferenz.

Symbioz - Studie von Renault - IAA 2017, Foto: Benjamin Kratsch

Symbioz – Studie von Renault – IAA 2017, Foto: Benjamin Kratsch

Symbioz: die perfekte Symbiose zwischen zwei Welten?

„Symbiose ist, wenn zwei unterschiedliche Organismen auf engem Raum zusammenleben und jeder der Beiden daraus einen Nutzen ziehen kann“, referiert Renaults Designchef. „Wir haben nicht nur das Auto entwickelt, sondern im gleichen Atemzug auch das Haus. Symbioz ist als Wohnzimmer auf Rädern konzipiert.“ Deshalb sind das komplette Dach und alle Seitenpanele aus Glas, man hat im Grunde eine komplette Glaskuppel auf den Body aufgesetzt für perfekte 360-Grad-Umsicht.

Auch hier gilt: Mal abwarten, was der TÜV so zulässt, es hat ja einen Grund, warum es noch keine Autos gibt, die einfach nur aus einer Glaskuppel bestehen, weil selbst speziell gehärtetes Sicherheitsglas beim Überschlagen des Autos brechen könnte. Ähnlich wie Audi und BMW geht auch Renault davon aus, dass wir mit der geschärften Sensorik intelligenter Autos, Unfälle in der nahen Zukunft zu 100 Prozent verhindern können, was wohl Wunschdenken bleiben dürfte. „Haus und Auto teilen sich die gleichen Linien, denselben Kohlefaser-Look, dieselben Farben. Weil sie zusammen gehören.“

Renault setzt dabei komplett auf Automatisierung, was perfekt funktioniert: Lassen wir die Lounge-Chairs nach außen drehen, um sie als Erweiterung des Wohnzimmers zu verwenden, wird die Hauptkonsole mit dem Widescreen-Touchpad nach innen gefahren und das Lenkrad darunter weggeklappt.

Ein neuartiges Energiesystem kombiniert Elektro-Haus und E-Auto

Das Design ist durchaus sportlich, die Performance kann sich auch sehen lassen: 500 kW leistet die Batterie, übertragen sind das 680 PS. Von auf 0 auf 100 in 6 Sekunden, 660 Nm Maximal-drehmoment, 500 Kilometer Reichweite. Wenn Renaults Head of Design von mangelndem Wohnraum spricht, dann redet er dabei schon eher von gut situierten Familien, Haus und Auto dürften ob der vielen Technologie ihren Preis haben. Und auch die ist zukunftsweisend: Über das sogenannte Smart Grid kommunizieren Haus und Auto.

Das Haus etwa ermittelt, welche Raumtemperatur seine Bewohner bevorzugen, die dann auch gleich vom Auto umgesetzt wird. Zudem werden in Zukunft nicht mehr nur PCs, Laptops und, Tablets und Smartphones synchronisiert, sondern alle Termine gehen auch gleich ans Auto. Das berechnet den optimalen Weg, etwa wenn Kind 1 in den Kindergarten muss, Kind 2 in die Schule und Sie vor der Arbeit noch kurz Post wegbringen müssen.  Es kennt ja Ihre Alltagsroutinen.

Das wiederum überträgt sich spannender Weise auch aufs Batteriemanagement: „Angenommen Sie fahren mit Ihrer Familie jedes Wochenende größere Strecken, dann wird der Symbioz vom Haus automatisch von Freitag auf Samstag voll geladen. Sind Sie hingegen im Winter lieber zu Hause und fahren weniger, generiert das Auto während des Fahrens Strom und gibt diesen an das Hausnetz ab. Diese komplette Vernetzung bürgt natürlich auch Risiken, gerade wenn wir an Hackerangriffe denken. Sorgt aber für viel Komfort: Die Sensoren des Prototypen etwa registrieren Regen und geben daraufhin einen Befehl an das Haus, sofort alle Fenster elektrisch zu schließen.

Es reagiert auch auf Kälte und fragt Sie, ob die Heizung im Smart-Home vorgewärmt werden soll. Eine kuschlige Zukunft wartet. Eine Variante des Symbioz soll bereits 2023 erscheinen. Unklar ist allerdings, ob sich bestehende Häuser aufrüsten lassen oder Sie für das neue Hightech-Car auch gleich noch ein neues Hightech-Haus brauchen.

von Benjamin Kratsch