Der Dendrobium ist ein faszinierendes Auto. Harte Kanten, eckig, maskulin, mehr wie ein Hollywood-Production-Car sieht der Supersportler aus, der gerade in Singapur entwickelt wird. Er ist zwar ein Asiate, wirkt aber bullig wie ein Amerikaner.  Zeit für einen genauen Blick auf eines der extravagantesten Autos der IAA 2017.

Hypercars mit Formel-1-Technologie und Rennsport-Aerodynamik sind sicherlich der Trend des Jahres: Red Bulls Chefingenieur Adrian Newey erfüllt sich gerade seinen eigenen Traum, indem er James Bonds neuen Aston Martin Valkyrie baut. Daimler nutzt sein Knowhow, um mit dem AMG Project One X 1 den ersten Straßen-Rennwagen aus der AMG-Linie zu bauen und jetzt steigt auch Williams Advanced Engineering in das lukrative Hypercar-Geschäft ein: mit einer Firma namens Vanda Electrics aus Singapur, die dank Investitions-Milliarden das Tesla Asiens werden wollen. Entsprechend Dampf ist hinter dem Dendrobium: 1.000 PS, bei einem Leichtgewicht von 1.750 Kilo. In Fernost liebt man den großen Auftritt: 20 Zoll vorne, 21 Zoll hinten. Dadurch ist der Body aufgebockt, durch Spezial-Sport-Federn wirkt das Auto größer, obwohl es natürlich wie aus der Hypercar-Welt gewohnt, sehr tief gelegt ist.

Detail Dendrobium (Bild: Vanda-Electrics)

Detail Dendrobium (Bild: Vanda-Electrics)

Während in Europa immer alles im Fluss ist, die einzelnen Elemente eine Einheit bilden und etwa Motorhaube und Greenhouse in Wellenform ineinander überschwappen, besteht der Dendrobium aus sehr vielen Einzel-Anfertigungen. Der Motorblock steht separat, die mächtigen Kotflügel ragen heraus, die Xenon-Scheinwerfer ziehen sich komplett von oben bis unten durch. Das kennen wir von Le-Mans-Rennwagen, nur nicht mit dieser Luxus-Ausstattung.

Willams F1-Ingenieure sorgen für Elektro-Antrieb und Aerodynamik

Rob Smedley, der bei Ferrari früher mal die Autos von Michael Schumacher konstruiert hat, und sein Team sind verantwortlich für Antriebsstränge, Batterie, Verbundwerksstoffe und Aerodynamik. Chassis und Karosserie sind aus Aluminium und Kohlefasern gebaut, wie aus der Formel 1 gewohnt. Die Aerodynamik ist jedoch bemerkenswert anders als etwa bei Red Bull und Aston Martins Valkyrie, dem wir erst kürzlich einen Besuch abstatteten: Während James Bonds nächster Firmenwagen auf ein extrem flaches Teardrop-Gehäuse setzt und das Auto wie eine Welle im Pazifik zu fließen scheint, ist der Dendrobium sehr bullig gebaut, fast schon so maskulin wie ein Ford GT.
Für die Aerodynamik ist es sehr wichtig, so wenig Luftwiderstand wie möglich zu bieten. Vanda Electronics und Williams scheinen hier komplett neue Wege gehen zu wollen: Front und Heck sind weit ausgefahren, laufen allerdings scharf nach innen.

Das können Sie sich durchaus wie eine Blockform vorstellen: Die Außenpartien sind zwei Blöcke, die die Reifen behausen und in der Mitte sitzt separat der Motor. Das ist ungewöhnlich, weil der Luftstrom entweder bei sehr maskulinen Designs wie dem Bugatti Veyron an der Spitze genommen und dann in Pyryamidenform nach außen abgeleitet wird.
Oder man arbeitet wie beim Aston Martin Valkyrie mit einer sehr flachen Motorhaube, damit die Luft nach unten, unter dem Auto hinweg gesogen wird. Der Dendrobium bietet viel Angriffsfläche, wird spannend zu sehen sein, was sich Williams Experten hier gedacht haben. Bislang konnten wir leider nur gucken, nicht fahren.

Das Cockpit-Design: Inspiriert von einer Orchideen-Blüte

Vielleicht der größte Negativpunkt am Aston Martin Valkyrie ist sein Einstiegsprozedere: Sie müssen sich wie bei einem Kampfjet von oben nach unten sacken lassen, es gibt keinerlei Möglichkeit von den Seiten einzusteigen. Auch ist das Interieur voll auf Motorsport-Minimalismus fokussiert: Es gibt keinerlei Komfort-Anzeigen, alle Displays sind auf Effizienz ausgerichtet.

Der Dendrobium richtet sich da schon eher an eine Luxus-Klientel, die auch mal Freunde mitnehmen und vor allem beeindrucken möchte: Die Orchidee ist eng mit der Kultur Singapurs verbunden, die sogenannte Vanda Miss Joaquim var. Agnes ist die National-Blume des stolzen Stadtstaates. Jetzt wissen Sie auch, wie es zum Namen Vanda Electronics kam. Die elegante, fast schon majestätische Art, wie eine Orchidee ihre Blüte öffnet, hat man als Inspiration für eines der aufwändigsten Cockpits genommen, die wir je gesehen haben.
Sie können den Dendrobium nicht in ein Hypercar-Cabriolet verwandeln, weil das die aerodynamischen Eigenschaften massiv verschlechtern würde. Aber das öffnende Dach sorgt für einen komfortablen Einstieg.

Wer schon mal im La Ferrari, McLaren P1 oder Lamborghini Aventador gesessen hat, der weiß wie sportlich man sein muss, um sich hier reinzuschwingen. Den Dendrobium hingegen könnten auch Menschen fahren, die schon etwas älter oder schlicht etwas breiter gebaut sind. Sie steigen hier ein wie in einer Limousine, wenn sich Dach und Flügeltüren majestätisch nach oben öffnen.

Das Heck: Ein Hypercar mit Stachel

Sehr extrovertiert und herrlich anders ist auch das Heck gelungen: Eine Art Stachel verläuft spitz nach hinten, flankiert von einem gigantischen Doppel-Diffusor. Zudem wird der Stachel eingerahmt von einem zarten Band aus Karbon, in das ein komplettes Leuchtband eingearbeitet ist. Denn ein Straßenauto braucht auch eine Straßenzulassung, gewisse Sicherheitsfeatures sind ergo Pflicht.
Und auch wenn dieses Auto hier aussieht, als könnte es im nächsten Sci-Fi-Blockbuster Blade Runner 2049 die Hauptrolle übernehmen, soll es 2019 oder spätestens 2020 auf die Straße. Der Preis steht noch nicht fest. Da alle Modelle wie im Hypercar-Bereich üblich komplett von Hand gefertigt werden, sollten Sie schon siebenstellig rechnen.

von Benjamin Kratsch