1000 PS, von 0 auf 100 in 2,5 Sekunden, 650 Kilometer Reichweite und purer Luxus an Bord: Das Lucid Air will eine neue Generation von Sport-Limousinen anführen. Geschwungene Front, eine Lasergravur mit dem Namen, umspielt von einem LED-Band – vom Design her könnte hier auch die Enterprise Pate gestanden haben. Mehr wie ein Raumschiff sieht der Tesla-Jäger aus, mit dem riesigen Panorama-Dach, welches nahtlos in die Windschutzscheibe übergeht.
Konzipiert wurde die Limousine von Peter Rawlinson. Einst einer von Elon Musks wichtigsten Männern und Chefingenieur des Tesla Model S. Jetzt will er nicht nur seinem ehemaligen Boss einheizen, sondern auch die Großen angreifen: Audi A8, BMW 7er, Mercedes S-Klasse. Nicht nur mit extremer, vollelektrischer Leistung, sondern auch einer Revolution des Komforts durch eine Kabine auf Niveau eines Maybachs. Wir haben auf einem Termin in Newport Beach nicht nur vorne, sondern auch hinten Platz genommen, den Sitz in Liegeposition gebracht, durch das Panoramadach die kalifornische Sonne genossen und fühlten uns mehr wie in Lufthansas Business-Class als einer Limousine.

 

Komfort wie in der Business Class

„Darf es noch ein Gläschen Champagner sein“, hört man eher im Flugzeug, weniger im Auto. Und so richtig schön nach hinten lehnen, die Beine ausstrecken und ein Nickerchen machen, können Sie normalerweise auch lucidair_aufmacher-_-bild-lucid-motors_kleinnur in einem Rolls-Royce Phantom oder Maybach 57S. Selbst in der S-Klasse oder einem Audi A8L, der Staatskarosse unserer Kanzlerin, wird das schon eng. Umso überraschter sind wir, wie viel Komfort Lucid Motors hier anbietet: Um satte 55 Grad lässt sich der Sitz nach hinten neigen, das ist schon ein besonderes Komfortlevel. Die Executive Seats gibt es allerdings nur in der Premium-Version für 100.000 US-Dollar, dann allerdings auch gleich mit Massagefunktion in beliebig einstellbarer Intensität. Wer die Bank direkt am Sitz des Vordermannes ausfährt, kann sogar seine Füße massieren.

Ein Einstiegsmodell wird es ebenfalls geben für 65.000 US-Dollar, allerdings mit weniger E-Motor-Leistung und klassischer Sitzbank. Die Kalifornier lassen sich auch von den Großen inspirieren, verbauen etwa marmoriertes Holz an den Seitenteilen und für die Mittelkonsole, genau wie Mercedes bei seiner S-Klasse. In einer Kategorie ist das Silicon Valley deutschen Autobauern aber nach wie vor überlegen: Der Performance des Betriebssystems. Touch-Eingaben auf den OLED-Displays werden so schnell umgesetzt wie bei einem Smartphone, aus irgendwelchen Gründen brauchen die Systeme von BMW, Audi und Mercedes unserer Erfahrung nach immer ein bisschen mehr Zeit. Zudem ist auch die Auflösung höher: Die Anzeige für Wetter, Musik, Nachrichten oder die Geschwindigkeit ist so scharf wie auf einem Galaxy S8 oder iPhone 7 – wohl auch deswegen zieht Audi mit seinem

2017er Audi A8 gerade nach und revolutioniert sein Interieur. Während deutsche Marken in der Regel beim Upgrade TVs in die Sitze integrieren, kommt die 100.000 US-Dollar-Variante mit einem 21 Zoll großen 4K-Touchscreen-Display, welches sich nach unten klappen lässt, wenn es nicht gebraucht wird. Die Beifahrer können also zusammen einen Kinofilm schauen, via Android Auto lässt sich leicht aufs Smartphone zugreifen.

Ambitionierte Pläne: Angriff auf Audi, BMW, Mercedes und Tesla

Die jungen Wilden aus dem Silicon Valley, die häufig mit Milliarden-Kapital aus China ausgestattet sind, machen Druck auf die etablierten Marken. Der neue Audi A8 wird sich in Zukunft nicht mehr nur gegen BMW 7er und Mercedes S-Klasse behaupten müssen, sondern auch gegen neue Wettbewerber wie den Lucid Air. „Wir bieten den Komfort einer Luxus-Limousine der Oberklasse in einem sehr viel kompakteren Rahmen. Und da der Verbrennungsmotor wegfällt, wird sich der Lucid Air sehr viel sportlicher fahren als eine Mercedes S-Klasse oder Audi A8“, sagt Peter Rawlinson, Chief Technology Officer bei Lucid Motors.

„Der Antrieb, das Gefühl ist so explosiv wie bei einem Sportwagen, schließlich wiegt der Air massiv weniger als die genannte Konkurrenz. Als Fahrer haben Sie richtig Spaß, als Passagier genießen Sie größtmöglichen Komfort. Es ist unser Ziel, für die Gäste hinten ein Erlebnis zu bieten, vergleichbar mit einem Privatjet.“ Ob man wirklich das extrem ehrgeizige Ziel von 0 auf 100 in 2,5 Sekunden einhalten kann? Wäre spannend, ist aber fraglich – das wäre so schnell wie ein Bugatti Veyron.

Rawlinson weiß, was seine anspruchsvolle Klientel will, vor Lucid und Tesla war er Chefingenieur bei Jaguar und Lotus. Rawlinson will Tesla natürlich angreifen, macht aber auch klar, dass Elon Musk hier einen völlig neuen Markt geschaffen hat: „Die Brillanz von Elon liegt darin, dass er keine Kompromisse eingeht. Ich habe das Auto bekommen, das Konzept, die technischen Daten und Elon meinte: „Das ist das finale Design, genau so wird das Model S erscheinen. Nicht größer, nicht kleiner, genau so.“ Damit mussten wir arbeiten, wir mussten einen Weg finden, all diese neue Technologie sehr kompakt zu verbauen. Bei Lucid habe ich mehr Freiheiten, kann aber darauf aufbauen.“

Lang wie eine Mercedes E-Klasse, Platz wie in der Langversion der S-Klasse

„Der Lucid Air ist kürzer als ein Tesla Model S. Oder um es anders zu sagen: Lang wie eine Mercedes E-Klasse, aber mit dem Raumangebot einer S-Klasse Langversion. Ich denke das ist eine Weltneuheit.“ Rawlinson hat einen Hintergrund als Formel-1-Ingenieur, das „Abspecken“ von Autos ist quasi sein Brot-und-Butter-Geschäft und er war schon immer ein Fan davon, jeden unnötigen Millimeter rauszunehmen. „Die Form entscheidet, wie ein Auto sich anfühlt. Der Air ist 32 Millimeter niedriger als ein Model S, dadurch hat es einen sehr viel stärkeren Sport-Charakter. Es ist eine neue Generation einer Luxury-Sport-Limousine.“

Nicht umsonst verbaut man Single-Seat-Lederschalen, die sonst in dieser Form eher in einem Privatjet Marke Gulfstream genutzt werden. Arbeitet aber trotzdem mit einer coupéhafte Dachlinie, die Richtung VW Arteon geht. Doch wie passen Raumkomfort mit der geringen Größe zusammen? Miniaturisierung ist eines der Lieblingsworte von Rawlinson. Er vergleicht die Evolution vom Verbrenner zum E-Motor mit Smartphones. Die wahren auch mal groß wie ein Backstein, heute passen sie in jede Hosentasche. „Unser 600 PS-E-Motor ist so klein, ich könnte ihn unter den Arm nehmen. Probieren Sie das mal mit einem Verbrenner“, sagt er auf der Pressekonferenz. 2018 geht’s auf die Straße, aktuell arbeitet man noch an einer neuen Generation von invertierten Luftfedersystemen sowie einem Doppel-Radialgebläse, um Geräusche im Inneren des Autos zu minimieren. Ruhe ist schließlich der größte Luxus während der Fahrt

von Benjamin Kratsch