Futuristischer LED-Grill, extrem lang gestrecktes Greenhouse und 5,20 Meter Länge: Der Mercedes F015 sieht mit seinem Body aus Aluminium und Karbon mehr aus wie ein Raumschiff auf zwei Rädern, denn als ein klassisches Auto. Der F015 soll in der Zukunft mal S-Klasse und Maybach beerben, etwas bodenständiger geht es beim EQ-C zu: ein eher klassischer Elektro-SUV mit deutlicher Mercedes-DNA, nur geschwungener und einer neuen Elektro-Ästhetik, die für eine komplett neue E-Generation steht, wie uns Dr. Michael Hafner, Entwicklungsleiter der Abteilung Automatisiertes Fahren der Daimler AG, im Interview verrät.

 

Zwei Elektro-Prototypen hat Mercedes aktuell im Rennen: Der F015 als extreme Designstudie, der EQ-SUV soll spätestens 2019 auf die Straße. Erwartet uns hier ein komplettes Facelift für die Marke Mercedes-Benz?

Dr. Michael Hafner: EQ – Electric Intelligence – ist unsere neue Marke für Elektromobilität. Dem Elektroantrieb gehört die Zukunft, es wird Zeit für den Aufbau einer batterieelektrischen Flotte, die sicherlich auch ein neues Gesicht mitbringen wird. Die Erfahrung zeigt aber, dass es meist Unterschiede zwischen Concept-Car und Serienfahrzeug gibt. Jeder Ingenieur liebt natürlich Karbon und vor allem Displays. In unserem Concept-EQ sind keinerlei Schalter verbaut, den Rückwärtsgang etwa aktivieren Sie durch ein Streichen nach hinten auf dem Touchdisplay. Ausschließlich mit berührungssensitiven Oberflächen zu arbeiten, hat einen großen Reiz. Wir wissen aber auch, wie sehr Kunden haptische Bedienfelder schätzen. Es wird hier, denke ich, unterschiedliche Optionen geben.

Sprechen wir zunächst über den EQ-SUV, der sehr viel sportlicher wirkt als ein GLC oder CLA. Gibt der EQ generell eine neue Stoßrichtung für die geplante Elektro-Flotte vor?

Dr. Michael Hafner: Wir kombinieren SUV-Gene mit einem sportlicheren Coupé-Charakter. Das Greenhouse etwa ist flach und gestreckt, dadurch fließt das Design viel mehr. Wir haben uns die Frage gestellt, was eine Elektro-Ästhetik ausmacht: E-Motoren sind sehr leise, fast geräuschlos. Das bringt eine neue Form der Eleganz für das Auto mit, zu der unserer Meinung nach ein fließender Übergang von der Motorhaube über die Windschutzscheibe bis zum getönten Panoramadach gehört. Das Schwarz der Motorhaube bildet dabei einen schönen Kontrast zum Alubeam Silber, was wir für den gesamten Body verwenden. Wir nutzen auch Kameras, statt Außenspiegel, weil diese den Designfluss stören. Das ist nicht zwingend alles in Stein gemeißelt, aber die Stoßrichtung ist sicherlich ein deutliches Facelift für diese spezielle Marke innerhalb der Mercedes-Benz-Familie. EQ sehen wir als Plattform, auf die SUVs genauso aufsetzen können wie Limousinen oder Cabriolets.

Sie sprechen von einer eigenen Elektro-Ästhetik. Inwiefern spiegelt sich diese im Innenraum wider?

Dr. Michael Hafner: Elektro-Ästhetik steht für Leichtigkeit. Statt mit recht wuchtigen Sesseln wie in der S-Klasse, arbeiten wir mit weißen, sehr schmalen Sitzschalen, die förmlich im Raum zu schweben scheinen. Um einen gewissen Kontrast zu schaffen, verbauen wir nussbraune Mittelbahnen, die mit LED-Leisten bestückt sind. Licht ist ein großes Thema bei der EQ-Serie, weil sich damit gewisse Stimmungen erzeugen lassen. Zudem sind die Sitze hinten nicht mehr in eine Bank integriert, sondern freischwebend und lassen sich ähnlich wie im Flugzeug stärker in eine Art Liegeposition richten. Es ist durchaus unser Ansatz, den Luxus der S-Klasse für eine breitere Kundenschicht anzubieten. Deshalb auch das Panorama-Dach: Sie können nach oben schauen, bei Nacht etwa in den Sternenhimmel. Das ist entspannter als immer nur auf Straßen und Autos zu sehen, deren Lichtkegel gerade bei Nacht für eine gewisse Unruhe sorgen.

Der F015 geht als Luxus-Limousine noch ein paar Schritte weiter, hier wurden OLED-Folien auf das Sicherheitsglas der Scheiben geklebt, etwa um Skype-Anrufe anzunehmen oder einen Film zu schauen. Sind diese auch für die EQ-Generation geplant?

Dr. Michael Hafner: Möglichkeiten gibt es viele, das ist immer eine Frage des Preises. Es gibt ja mittlerweile erste OLED-Folien-TVs im Markt, die Technologie ist aktuell allerdings noch sehr teuer. Ich bin persönlich durchaus ein Freund dieser Weiterentwicklung, weil es unser Ziel sein sollte, das Autofahren entspannter zu gestalten. Während in der Regel der Fahrer hoch konzentriert sein muss, langweiligen sich andere Passagiere, weil die Interaktionsmöglichkeiten dann doch eher eingeschränkt sind. OLED-Folien, um Kinofilme in exzellenter Qualität zu erleben, würden dazu führen, dass die Fahrt sprichwörtlich wie im Flug vergeht. Da ist aber noch einiges an Testing gefragt, es darf beispielsweise keine Spiegelung auftreten, die den Fahrer ablenken könnten.

Womit wir bei einem Kernthema Ihrer Arbeit angekommen wären: Self-Driving-Cars. Wenn man in die Presse schaut, dann wirkt es oft so als würde Tesla deutschen Ingenieuren davonfahren. Teilen Sie diese Einschätzung?

Dr. Michael Hafner: Definitiv nicht! Ich kenne diese Berichte, aber sie stimmen nicht: Wir haben deutlich mehr Autos auf der Straße und bereits jetzt in der S-und E-Klasse die signifikant besseren Assistenzsysteme. Tesla arbeitet genauso wie wir mit Level-2-Systemen, weil rein technisch gesehen aktuell nicht mehr möglich ist. Level 2 sind Assistenzsysteme, die automatisch Gas geben, Überholen, Einparken und ein paar andere Komfortaufgaben erfüllen. Unsere EQ-Reihe checkt Sie bei Bedarf automatisch ein, tankt vollautomatisch Strom am Flughafen, sucht einen Parkplatz und holt Sie ab, wenn Sie aus dem Flieger steigen. Diesen Komfort können wir bieten. Aber wir haben keine selbstfahrenden Autos, die hat noch niemand. Was sich alle wünschen, nennen wir „Level 3 to 5 systems“.

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Woran fehlt es noch und was müssten völlig autonom fahrende Computer leisten?

Dr. Michael Hafner: Wir brauchen dafür eine intelligente K.I., die selbst lernen und Entscheidungen treffen kann. Um ein Beispiel zu nennen: Sehen Sie ein Kind auf dem Bürgersteig, das mit einem Ball spielt, dann können Sie sich vorstellen, dass der Fußball auf die Straße fällt und das Kind hinterherrennt. Entsprechend erhöhen Sie Ihre Aufmerksamkeit, fahren langsamer, bereiten sich vor. Das nennt sich menschliche Intuition, die hat ein Computer nicht. Er kann natürlich mit Sensoren arbeiten, und wir können ihn mit Daten von möglichen Unfallszenarien füttern, dennoch sind wir noch etliche Jahre davon entfernt einen digitalen Chauffeur zu schaffen, dem wir so sehr vertrauen können, dass wir als Fahrer nicht mehr die Hände am Lenkrad haben müssen.

Konkret gefragt: Warum hat Tesla bereits mehrere Level-2-Modelle auf dem Markt, Mercedes noch keines?

Dr. Michael Hafner: Wir wollen zuerst die bestmögliche Infrastruktur schaffen, dann in den Markt einsteigen. Für den Erfolg von Elektromotoren, brauchen wir Zuverlässigkeit, schnelle Ladezyklen und hohe Reichweiten. Der Concept EQ ist für bis zu 500 Kilometer Reichweite ausgelegt, dafür verbauen wir zwei Elektromotoren an Vor-und Hinterachse, die von einer Batterie im Boden mit einer Gesamtleistung von 300 kW gespeist werden. Die sorgen für ein Drehmoment von 700 Newtonmetern, von 0 auf 100 in 5 Sekunden – Autofahren soll ja Spaß machen. Von der Struktur her ist EQ zudem beliebig skalierbar und lässt sich modellübergreifend einsetzen, weil wir Radstand und Spurweite sowie die Größe der Batterien variieren können. Das erlaubt eine komplette elektrische Flotte aus SUVS, Limousinen, Cabriolets etc. Zudem ist es wichtig, Zuverlässigkeit zu schaffen: Eine kabellose Ladebox in Reichweite, egal wo Sie sind. Wir haben dafür eine Modell-Familie entwickelt, mit der sich beispielsweise Solarstrom einer Photovoltaik-Anlage in einem Mercedes-Benz-Energiespeicher zwischenlagern lässt, um Kosten zu reduzieren. Sie können diese in Ihr Haus integrieren, wir arbeiten aber auch mit Hotels und anderen Anbietern zusammen. Zudem setzen wir auf ein Schnellladesystem, welches in Zukunft innerhalb von nur 5 Minuten genug Strom für 100 Kilometer bereitstellt. Wenn Sie sich den deutschen Markt anschauen, dann mangelt es vor allem auch an bundesweit verfügbaren Schnellladestationen, wir werden das ändern. Mal abgesehen davon, wird unser EQ-SUV auch günstiger sein als der Tesla X. Wir planen mit einem Preis im Bereich eines gut ausgestatteten GLC.

Das Interview wurde geführt von Benjamin Kratsch. Bild Dr. Michael Hafner: Benjamin Kratsch