Carsharing, Leihräder, ÖPNV – und Autos nur ganz am Rande. Sucht man nach einem Bild, das die Vision von Green City für die ideale urbane Mobilität wiedergibt, so ist das obige Foto nachgerade perfekt. Denn der Ursprungsgedanke, der Green City in den Neunzigerjahren verband, war der Wunsch, die Stadt – in diesem Fall München – völlig autofrei zu bekommen. „München 2000 autofrei“ war der Slogan. Es gründete sich ein Verein, Aktivisten fanden sich ein, es wurden Aktionen geplant und auch umgesetzt.

„Dabei war es von Anfang an das erklärte Ziel, die Bürger mitzunehmen und ihnen ganz praktisch zu zeigen, dass ihre Stadt auch anders sein könnte – und wie sie anders sein könnte“, sagt Dr. Jessica le Bris. Sie leitet bei Green City Project die Bereiche Mobilität, Consulting und Research. Plakative Aktionen folgten, etwa das Streetlife Festival, die Blade-Night, die Kampagne zur Radlhauptstadt. Alle Aktionen folgten dem Ziel, unter Beweis zu stellen, dass eine Transformation im öffentlichen Raum möglich und sinnvoll ist. Irgendwann wurden die Projekte – allein das Streetlife Festival findet zweimal im Jahr statt und lockt jeweils bis zu 300.000 Besucher an – einfach zu groß für einen Verein. Green City ist heute als GmbH breiter aufgestellt und vereint unterschiedliche Bereiche unter einem Dach.

Es geht um mehr Lebensqualität in der Stadt

Auch die Vision hat sich verändert. „München autofrei war in den 90er Jahren der Claim, heute betrachten wir die Stadt als Ganzes“, sagt le Bris. Es gehe um die grundsätzliche Frage, „wie man Lebensqualität in die Stadt bringen kann“. Wichtig dabei: Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger agieren und betonen, was man alles anders oder besser gleich gar nicht mehr machen sollte, sondern ein positives Lebensgefühl erzeugen. Einen neuen urbanen Lifestyle sozusagen. Nun, aktuell wird dieser neue urbane Lifestyle in erster Linie als Marketinginstrument für eine Mobilitätsform genutzt, die als die neue grüne und nachhaltige Fortbewegung gesehen wird: die Elektromobilität. Doch die Förderung der E-Autos, das mag auf den ersten Blick erstaunen, lehnt Green City in einem Positionspapier ab.

„Das ist ganz einfach“, sagt le Bris. Green City folge den drei großen „Vs“: Vermeidung, Verlagerung, Verkehrsoptimierung. Es gehe nicht darum, Autos zu verbieten. Aber die Leute, die ihr Auto privat nutzten, sollten sich Gedanken um Alternativen machen. Sharinglösungen seien ein guter Weg. Ein radikaler Gedanke? Eigentlich nicht. Denn betrachte man nicht nur den Umweltaspekt, sondern die gesamte Verkehrssituation in München, so sei mit einer Umstellung auf Elektroautos wenig gewonnen. Man steht auch mit dem Elektroauto auf dem Weg zur Arbeit oft mal eine Stunde im Stau. Und auch die E-Autos brauchen einen Parkplatz.

Verkehr hat auch mit Ressourcen zu tun

„Verkehr hat nicht nur etwas mit Emissionen und Abgasen zu tun, sondern auch mit den Ressourcen, die dafür eingesetzt werden“, sagt le Bris. Es gebe deutlich mehr Flächen für Autos in München als Kinderspielplätze. „Unser Ansatz ist deshalb: Ressourcen sparen.“ Das Ideal sei, weniger Fahrzeuge auf den Straßen zu haben und dadurch auch wieder mehr Platz zu gewinnen. Dadurch können man den Verkehr auch wieder fließend machen – für diejenigen, die es brauchen. Zum Beispiel für Lieferfahrzeuge, Taxen, Krankentransporte. Aber eben nur für die. „In diesem Sinne“, schmunzelt le Bris, „ist es schon auch wieder so wie in den Neunzigerjahren.“ München autofrei. Das Elektroauto für Privatpersonen ist nicht die Lösung. Es geht nicht darum, den Motor auszutauschen. Es geht um ein neues Mobilitätssystem.

Wie das aussieht? „Die Stadt muss ein Mobilitätssystem anbieten, das ein eigenes Auto überflüssig macht.“ Es müsse möglich sein, auf ein Fortbewegungsmittel zuzugreifen, wenn man eines braucht. „Das kann ein Fahrrad oder ein Leihrad sein, ein MVV Ticket oder eben ein Carsharing-Auto.“ Ein sozialistisches Modell? Le Bris lacht. „Das ist die gelebte Sharing-Economy!“ Nicht mehr und nicht weniger.