Obwohl 2,5 Millionen E-Bikes auf Deutschlands Straßen unterwegs sind, halten sich die Vorurteile gegenüber motorunterstütztem Radfahren beständig. Wir haben gemeinsam mit Max Semsch 10 Vorurteile unter die Lupe genommen. Der 33-jährige Münchner radelte 2008 auf einem normalen Trekkingbike von München nach Singapur. 2012 umrundete der Abenteurer Australien auf einem E-Bike. 2016 tourte Semsch vier Monate lang auf einem Pedelec durch Deutschland. Der Experte stand uns bei den E-Bike Days im Münchner Olympiagelände Rede und Antwort.

 

1_E-Bikes sind die Vorstufe zum Rollator, also Räder für Unsportliche oder gebrechliche Senioren.

Max Semsch: Total falsch! 2012 bin ich auf einer Australienumrundung 16.000 Kilometer mit einem E-Bike gefahren. Im Sommer 2016 legte ich quer durch Deutschland 7.500 Kilometer auf einem Pedelec zurück. In Australien verlor ich in sieben Monaten amtliche 6,5 Kilo an Gewicht. An der TU München unterzog ich mich vor und nach der Reise einer sportmedizinischen Untersuchung. Ergebnis: Nach der Reise verfügte ich über signifikant bessere Werte, was Ausdauer bzw. Kondition betrifft. Ich habe den wissenschaftlichen Beweis erbracht, dass E-Bike Fahren sportlich und nicht mit Motorradfahren zu verwechseln ist. Bei meiner ersten großen Fahrradreise von München nach Singapur, die ich mit einem normalen Fahrrad antrat, hatte ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h, in Australien erreichte ich motorunterstützt durchschnittlich 20 km/h. Man ist mit einem E-Bike also durchschnittlicher schneller unterwegs bzw. legt größere Strecken zurück, verbrennt aber nach wie vor viele Kalorien.

 

2_E-Bikes fahren von alleine.

Es herrscht eine gewisse Begriffsverwirrung. E-Bikes, von denen wir sprechen, heißen eigentlich Pedelecs. Sie sind motorunterstützt. Man muss in die Pedale treten, ehe man vom Motor profitiert. E-Bikes hingegen fahren auch ohne Pedalantrieb. 95 Prozent aller E-Bikes, die heute verkauft werden, sind allerdings Pedelecs. Sobald ich aufhöre zu treten, wird auch die Motorunterstützung beendet.

 

3_E-Bikes sind viel zu schwer.

Je nach Hersteller und Modell variiert zwar das Gewicht, aber es ist logisch, dass E-Bikes schwerer als normale Räder sind. Über den Daumen gepeilt schlagen Akku und Motor mit 6 Kilo zu Buche. Längst gibt es Pedelecs unter 20 Kilo. Muss ich ein E-Bike in den Keller oder in die Wohnung tragen, empfiehlt es sich, den Akku vorher rauszunehmen, dann verringert sich das Gewicht erheblich. Ohne Akku wiegt ein E-Bike lediglich ca. 3 Kilo mehr als ein normales Fahrrad.

 

4_E-Bike Fahrer sind Luschen.

E-Bike Fahren kann richtig anstrengend sein. Das Schöne ist ja, dass man die unterschiedlichen Leistungsstufen selbst bestimmen kann. In der niedrigsten Stufe unterstützt mich beispielsweise mein Bosch-Mittelmotor Performance CX mit 50 Prozent. Da muss man selbst schon noch ordentlich in die Pedale treten. Auf meiner Deutschlandtour zeichnete mein Bosch Nyon den Kalorienverbrauch auf. Den Höchstwert mit 3.000 verbrauchten Kalorien erreichte ich an einem Tag im Erzgebirge.

 

5_„Richtige“ Sportler würden niemals auf ein E-Bike steigen.

Es gibt immer mehr Sportler, die gerade im Mountainbike-Bereich auf E-Bikes zurückgreifen, weil sich damit anspruchsvolle Touren mit über 10-prozentiger Steigung eröffnen. Viele Mountainbike-Profis wie z.B. André Wagenknecht trainieren vor Wettkämpfen ganz gezielt mit dem E-MTB, weil sie die Leistung, ohne die Muskeln zu übersäuern, gezielt steuern können.

 

6_Der Akku lädt beim Fahren selbst.

Stimmt nicht. Es gibt zwar ein paar wenige Räder, die mit Rekuperation, einem Energie-Rückgewinnungssystem arbeiten, wirklich nennenswerte Ergebnisse erzielt man damit aber nicht. Man hat dadurch lediglich noch mehr verbaute Technik bzw. Elektronik an Bord. Dem Alltagsradler bringt das nichts.

 

7_E-Bikes haben zu wenig Reichweite, schränken daher ein.

 Natürlich ist die Reichweite begrenzt, aber wer radelt im Freizeitbereich schon über 150 km pro Tag? Außerdem werden die Akkus immer leistungsstärker. Bei meiner Deutschlandreise etwa hatte ich insgesamt stattliche 40 Kilogramm Gepäck an Bord, aber trotzdem eine Durchschnittsreichweite von 85 Kilometern. Ich hatte 2 Akkus dabei, konnte also durchtauschen. Unter optimalen Bedingungen, leichtes Fahrrad, optimaler Reifendruck usw., kann man auf einem Pedelec mittlerweile über 200 km zurücklegen. Mein Bosch 500 Wattstunden Akku etwa lädt – komplett leer – in 3,5 Stunden wieder auf 100 Prozent. Während meiner Deutschland-Tour habe ich in jeder Mittagspause meinen Akku geladen. Nach weniger als 2 Stunden war er wieder halbvoll.

 

8_Auf einem E-Bike ist man sturzgefährdet.

Man erreicht als untrainierte Person mit einem Pedelec mitunter höhere Geschwindigkeiten als wenn man auf einem normalen Fahrrad säße. Mag sein, dass sich ältere Herrschaften an 25 km/h erst einmal gewöhnen müssen und daher vorab ein Fahrsicherheitstraining absolvieren sollten. Aber E-Biken ist aus meiner Sicht nicht gefährlicher als normales Radfahren. Motorisierte S-Pedelecs, die 45 km/h schnell fahren, erfordern ein Versicherungskennzeichen und man braucht dafür einen Führerschein, da diese Pedelcs als Kleinkrafträder gelten.

 

9_E-Bikes sind viel zu teuer.

Das ist relativ. Das Preis-Leistungsverhältnis ist jedenfalls ein gutes. Klar wird einem im Bau- oder Supermarkt auch mal ein E-Bike für den Schnäppchenpreis von € 1.000 angeboten, vom Erwerb ist allerdings abzuraten. Man muss schon mit einer Investition von etwa € 2.000 aufwärts rechnen, wenn man sich ein gutes Pedelec anschaffen will. Greift man auf ein Vorjahresmodell zurück, bekommt ab € 1.500 ein gutes E-Bike. Bei unter 1000 Euro allerdings gehen bei mir die Alarmglocken an.

 

10_Mit einem E-Bike kann man nicht schnell fahren.

Natürlich kann man das! Damit ein Pedelec als Fahrrad und eben nicht Motorrad gilt, muss der Motor allerdings mit einer minimalen Toleranz von 10 Prozent bei 25 km/h abriegeln. Heißt: der Motor unterstützt ab 25 km/h nicht mehr. Mit Rückenwind kann man in der Ebene problemlos 30 km/h erreichen, nur trete ich dann eben ohne Unterstützung. Meine Höchstgeschwindigkeit auf meiner Deutschlandreise waren jedenfalls 72 km/h bei einer Abfahrt. (Lacht) Abgebremst wird man auf einem Pedelec also nicht.

Interview: Johanna Stöckl

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