Eigentlich macht Carolin Reichelt im E-Motion Rennteam fast einen Vollzeitjob. „Das Studium läuft praktisch nebenher“, sagt die angehende Maschinenbauerin der Hochschule für Technik und Wirtschaft Aalen. Als Gesamtprojektleiterin des Studenten-Teams, das elektronisch betriebene Formula-Rennautos entwickelt und baut, hat sie eine 40-Stunden-Woche. Kaum freie Abende, selten ein freies Wochenende – wer hier mitmacht, bringt große Leidenschaft mit und muss mindestens 10 Stunden pro Woche einplanen, als Team- oder Projektleiter erhöht sich der Arbeitsaufwand entsprechend stark. Dafür dürfen die Studenten an innovativen Rennwagen mit Elektromotor basteln, die bei der internationalen Formula Student Electric an den Start gehen.

 

„Beim Motorsport denkt man erstmal weniger an E-Mobilität“, räumt Reichelt ein. Aber die Arbeit an dieser Zukunftstechnologie sei gerade mit Blick auf die berufliche Zukunft der Studenten enorm wichtig. „Wir sind jetzt gerade am 06/17“, berichtet Reichelt und erläutert die Typenbezeichnung: Die Aalener Studenten entwickeln derzeit ihren sechsten Wagen, 2017 wird er fertig. „Dieses Jahr gibt es ein komplett neues Aerodynamik-Konzept“, verrät die Gesamtprojektleiterin. Gegenüber dem Vorjahresmodell wurde unter anderem der Frontflügel sehr komplex weiterentwickelt und an den Seiten werden kleine Flügel angebracht. Außerdem bauen die Studenten jetzt einen sogenannten Hybrid-Monocoque, also ein Fahrgestell, dass sich durch einen hohen Carbonanteil auszeichnet. Das Carbon macht den Wagen leicht. Hinten, wo der Antrieb sitzt, bleiben aufgrund der Stabilität allerdings die Stahlrohre erhalten.

 

Weitere Infos auf der Homepage des E-Motion Rennteams

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Dass die Studenten hier völlig frei überlegen können, was sie an ihrem Rennwagen im nächsten Jahr verbessern wollen, ist eine große Motivation. „Hier kann man sich ausleben“ wie es später bei einem richtigen Unternehmen gar nicht mehr möglich sei, sagt Reichelt. Am meisten fasziniere sie, „was man im Teamwork leisten kann“ und zwar innerhalb weniger Monate Entwicklungszeit. „Am Anfang hat man eigentlich nur ein Blatt und einen Stift und am Ende fährt das Auto“, schwärmt die Studentin. Außerdem sind die insgesamt 48 Teammitglieder freundschaftlich verbunden. „Wir sind wie eine kleine Familie hier.“ An freien Abenden kochen sie zusammen, gehen gemeinsam ins Kino oder diskutieren im Biergarten.

 

Reichelt hat sich schon im ersten Semester beim Rennteam beworben. „Ich komme aus einer Automobil-affinen Familie“, erzählt sie. Die berufliche Orientierung in diese Branche lag auf der Hand. Bei einem Vorpraktikum lernte die angehende Maschinenbauerin jemanden aus der Formula Student kennen, der so schwärmte, dass sie dachte: Das will ich auch machen. Inzwischen ist sie seit vier Jahren im Team. „Wenn man einmal dabei war, hat man so Blut geleckt, dass man nicht mehr aufhören kann“, schwärmt Reichelt.

 

In diesem Sommer geht das E-Motion Rennteam bei zwei Rennen der Formula Student Electric an den Start, in Italien und Österreich. Die Wettbewerbe sind recht aufwändig und dauern jeweils mehrere Tage. Bewertet werden nämlich nicht nur die technischen Features der Rennwagen und deren Geschwindigkeit, sondern auch Gebiete wie Projektmanagement, Controlling, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. „Wir arbeiten hier wie eine kleine Firma“, sagt Reichelt. Das fließt in die Wettbewerbe mit ein. Mehrmals landeten die Aalener schon auf dem Siegertreppchen. 2015 etwa nahmen sie jeweils eine Silbermedallie für das Fahrwerk und den geringen Verbrauch ihres Wagens mit nach Hause. Insgesamt liegen sie unter den besten 50 der weltweit rund 700 Teams. Gute Platzierungen bei den Rennen sind für die Studenten zwar nicht das Wichtigste, aber durchaus „eine Wertschätzung der Arbeit“, wie Reichelt betont.

 

Das freut natürlich auch die Sponsoren, die das Team nicht nur mit Fianzmitteln, Sonderbauteilen und Know-How versorgen. Seit vielen Jahren etwa unterstützt die LMT Group, deren Unternehmen Spezialmaschinen und Präzisionswerkzeuge herstellen, als Hauptsponsor das Aalener Team. „Das E-Motion Team arbeitet wie ein kleines Startup eng zusammen. Von der Planung über die Konstruktion und Fertigung bis hin zum Marketing entwickeln die Teammitglieder alles selbst. Wir unterstützen sie dabei mit unserer Erfahrung. Ein gutes Training: für die Rennstrecke – aber auch für die spätere Karriere“, sagt Volker Reinsch, Director Global Marketing & Communication der LMT Group.

 

Dieses Jahr liefert die LMT Group die Zahnräder für das Planetengetriebe, das den bisherigen Kettenantrieb ersetzen soll. „LMT unterstützt uns ziemlich stark finanziell und durch Wissen“, freut sich Reichelt. Für die Sponsoren wiederum ist die Arbeit mit dem Team gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel interessant: Wer schon während des Studiums so intensiv mit der Entwicklung von Fahrzeugen gerade in Zukunftstechnologien wie der E-Mobilität befasst ist, ist als Absolvent  begehrt. „Es ist schon ein Sprungbrett“, sagt Reichelt. Viele ihrer ehemaligen Teamkollegen wurden von Zulieferern und Sponsoren angeworben. Auch für sie steht nach dieser Saison, ihrem vierten Jahr bei E-Motion, der Abschied von der Uni und dem Rennteam sowie der Start ins Berufsleben an. Sie formuliert es so: „Ich muss dieses Jahr aufhören.“ Bei allem Tatendrang und Freude auf alles, was kommt, schwingt da auch eine Portion Bedauern mit.