Golden liegt es vor uns, das Zeitalter der Elektromobilität. Lautlos und emissionsfrei gleiten Autos durch blühende Landschaften. Aus Autofahrern sind Passagiere geworden, die sich – entspannt auf dem Fahrersitz ruhend –  von autonom fahrenden Autos an ihre Ziele bringen lassen. Eine Vision?

Nicht mehr lange – glaubt man den Optimisten. „Die Ära der Elektroautos steht unmittelbar bevor“, prognostizieren die Analysten des Think-Tanks Bloomberg New Energy Finance (BNEF). Bloomberg rechnet damit, dass bis 2040 ein Massenmarkt für Elektroautos entstanden sein wird. In rund 25 Jahren, schätzen die Experten, dürften 35 Prozent aller Neuwagen einen Stecker haben.

Professor Thomas

Prof. Dr. Diethard Thomas, LMT Tools

Was von Politik und Vertretern der Automobilindustrie unisono als große Chance gefeiert wird, stellt Teile der klassischen Maschinenbauindustrie vor neue Herausforderungen. Betriebe, die ihr Portfolio im Dunstkreis der Verbrennungsmotoren angesiedelt haben, sehen sich einer ungewissen Zukunft gegenüber. Doch statt Resignation macht sich in den Betrieben eine vitale Aufbruchsstimmung breit. Es scheint ein neues Zeitalter für Pioniere angebrochen zu sein. In den Betrieben geht es darum, die gegenwärtigen Prozesse und Entwicklungen zu verstehen, um die Zukunft aktiv mitgestalten zu können.

Daran arbeiten – nicht erst seit heute – auch die Strategen der Werkzeugfirmen von LMT Tools. Die Kernkompetenz der LMT Tools-Gruppe liegt im Bereich von Spezialwerkzeugen für die metall- und kunststoffverarbeitende Industrie, die wesentlich auch von Zulieferern der Automobilbranche genutzt werden. Die LMT Tools-Gruppe ist Teil eines weltweit agierenden Unternehmens, der LMT Group. Zu der Management Holding mit Sitz in Oberkochen gehören neben den Unternehmen der LMT Tools-Gruppe wie LMT Fette, LMT Kieninger, LMT Belin und LMT Onsrud auch der Maschinenbauer Fette Compacting sowie die Dienstleistungsfirma LMT Finance & Shared Services. Im Jahr 2016 hat die LMT Group mehr als 2.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, 1.200 von ihnen arbeiten für LMT Tools. Wie reagiert eine Firma mit diesem Portfolio nun auf die Elektromobilität? Welche Chancen und künftige Potenziale werden hier identifiziert?

 

Die Experten der LMT Tools

Schwarzenbek im Holsteinischen, 40 Kilometer östlich von Hamburg, 15.000 Einwohner, rund 1.000 Gewerbebetriebe. Hier hat LMT Tools ihren größten Produktions- und Technologiestandort. Und hier gestalten Experten die Zukunft des Unternehmens. Männer wie Prof. Dr. Diethard Thomas oder Uwe Kretzschmann. Stark vereinfacht sehen sie sich folgender Ausgangslage gegenüber: Mit vielen Werkzeugsystemen der Firma werden Komponenten, beispielsweise für Getriebe gefertigt, aber auch andere Bauteile, die zurzeit noch verstärkt in einem Verbrennungsmotor zum Einsatz kommen.

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Uwe Kretzschmann, LMT Tools

Insbesondere das Unternehmenssegment Advanced Tooling beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Bearbeitung von Komponenten für den Verbrennungsmotor. Die Herausforderung: In einem Elektromotor werden andere Teile verbaut. Elektroautos haben kein Getriebe mehr – oder nur noch ein sehr kleines mit wenigen Stufen. Außerdem bestehen Elektromotoren aus etwa 30 Bauteilen, während Verbrennungsmotoren aus über 1.500 Teilen bestehen. Die Frage ist nun, an welchen Stellen das Knowhow und die jahrzehntelange Erfahrung der LMT Tools im Bereich Automotive in die neue Antriebstechnologie einfließen kann.

„In einem ersten Schritt geht es darum, einen Rahmen abzustecken“, sagt Professor Thomas. „Wir müssen die Situation ganz genau analysieren und herausfinden, was auf uns zukommt.“ Professor Thomas war lange Leiter der LMT Group Academy und berät die Firma heute unter anderem über Chancen und Risiken der Elektromobilität. Er hat eine Studie angestoßen, die den Trend Elektromobilität von allen Seiten beleuchten und analysieren soll. Seine Quellen sind Hochkaräter aus Industrie und aus Wissenschaft. Die Ergebnisse werden noch streng vertraulich behandelt, doch ein Trend zeichnet sich ab: Elektromobilität beinhaltet für die LMT Tools ein großes Potenzial.

 

Strategische Weiterentwicklung mit drei Komponenten

„Elektromobilität ist ein Megatrend, und den wollen und werden wir mitgestalten“, betont Kretzschmann. Gänzlich unvorbereitet steht der Werkzeughersteller der elektromobilen Revolution sowieso nicht gegenüber – so unklar und diffus die Zukunft in diesem Bereich auch sein mag. „Wir entwickeln im Management der LMT Tools eine strategische Roadmap für Zukunftstrends im Bereich der Produktentwicklung um daraus im zweiten Schritt konkrete Produktentwicklungsprojekte abzuleiten“, erklärt Kretzschmann. Man habe bereits vor zwei Jahren einen Strategieprozess angestoßen, der drei Optionen beinhalte.

Erstens: Das Produktportfolio der LMT Tools erfährt eine Anpassung an die Bauteile, die nach wie vor benötigt werden. Zu nennen sei hier beispielsweise die Arbeit mit hochfesten Leichtbauwerkstoffen. „Die Entwicklung der Mobilität wird weitergehen, da sind wir als Experten gefordert.“

Zweitens: Die LMT Tools wird ihre Werkzeuge so auslegen, dass sie auch Bauteile der E-Mobilitätsfahrzeuge bearbeiten können. „Wir arbeiten ja heute schon mit den Firmen aus der Branche zusammen: Unsere Kunden haben sich in ihren Firmen natürlich auch mit der Entwicklung beschäftigt und erste Baugruppen für E-Mobilität entwickelt.“ Auch hier sei die LMT Tools als kompetenter Partner und Knowhow-Träger gefragt.

Drittens: LMT Tools beobachtet und entwickelt selbst neue Technologien, die man heute noch nicht etabliert habe und auch nicht genau einschätzen könne, die aber aufgrund der steigenden Stückzahl von E-Autos bedeutend werden. „Das ist von großer Relevanz. Es ist aber aktuell noch zu früh, um über Details zu sprechen. Wir sind eine mittelständische Unternehmensgruppe, wir haben keine tausend Entwickler. Aber wir haben eine ziemlich klare Vorstellung von neuen Businessmodellen.“

 

Neue Materialien, neue Branchen, neue Chancen

Darüber hinaus müsse man sich mit alternativen Märkten befassen: Energiesparte, Medizintechnik, Aerospace. „All diese Industriebranchen durchlaufen ja auch eine Entwicklung, unterliegen dem Trend, den wir betrachten.“ Der Schwerpunkt wird aber auch in Zukunft im Bereich der Mobilität liegen. Denn hier bieten sich die größten Potenziale. Zum Einsatz kämen in Zukunft beispielsweise vertärkt neue Materialien. „Auf diesem Gebiet sind wir schon seit langem tätig, denn es geht darum, neue und leichte Werkstoffe hochpräzise zu bearbeiten“, so Professor Thomas. „CFK ist stark auf dem Vormarsch. 62 Prozent aller Teile eines bestimmten Passagierflugzeuges besteht aus faserverstärktem Kunststoff.“ Auch in der Automobilindustrie setzt man schon heute auf alternative Werkstoffe.

Das Life-Modul des BMW i3, also die Fahrerkabine, besteht komplett aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff: aus CFK. Gerade auch in der Elektromobilität, wo es um radikale Gewichtseinsparung geht, werden diese Werkstoffe genutzt – und andere, moderne Materialien wie Hybridwerkstoffe. Also Stoffe, die sich aus mehreren Komponenten zusammensetzen, aus Metall und Kunststoff beispielsweise. Experten in der hochexakten Bearbeitung solch innovativer Werkstoffe? Richtig: die Ingenieure der LMT Tools -Gruppe. Kretzschmann: „Es ist wichtig für uns, bei künftigen Entwicklungen schon im frühen Stadium mitzuarbeiten. Bei CFK ist uns das gelungen.“

Aber nicht nur da.  Auch in neuen Geschäftsfeldern, die beispielsweise im Bereich der Energiegewinnung und Ressourceneffizienz liegen, wird mit Hochdruck an Lösung für Spezialwerkzeuge gearbeitet. Eine Option sind etwa die großen Getriebe der Windkraftanlagen, an denen ebenfalls Hochleistungswerkzeuge der LMT Tools beteiligt sind. „Das sind Zahnräder mit einem Durchmesser von bis zu zehn Metern“, sagt Professor Thomas. „Die können wir mit unseren Werkzeugen und der erforderlichen Technologie bearbeiten.“ Womöglich wird die Energie für die Elektromobilität, deren Erzeugung ja auch noch nicht final geklärt ist, künftig in Windparks gewonnen, mit innovativen Ideen der Experten von LMT Tools.