Bei diesem Projekt kommt einem unweigerlich der Film „Das fünfte Element“ in den Sinn, in dem  Bruce Willis in einem futuristischen Lufttaxi durch Hochaus-Schluchten saust. Unterwegs auf Luftstraßen – der Stoff aus dem Science Fiction-Streifen könnte bald Realität sein. In Gilching bei München bastelt das Start-up Lilium Aviation gerade an der Umsetzung eines fliegenden Zweisitzers, der Prototyp steht bereits in der Werkstatt.

Der sogenannte Lilium Jet soll ein leiser Senkrechtstarter mit Elektromotor werden, der theoretisch vom Vorgarten aus in die Luft gehen kann. „Stellen Sie sich vor, Sie könnten in München frühstücken, in Mailand shoppen und zu Abend essen in Marseille“, schwärmt das Unternehmen von seiner Vision. Das weiße Ultraleichtflugzeug wird von 36  kleine Elektrotriebwerken an den Flügelklappen und den schwenkbaren Tragflächen angetrieben. Sie sollen ihn auf 250 bis 300 Kilometer pro Stunde beschleunigen. Nach 300 Kilometern muss der E-Jet dann zum Laden an die Steckdose. Es soll so leicht zu bedienen sein wie ein Elektroauto und besonders sicher. Egal welches Bauteil während eines Fluges ausfällt, der Mini-Jet soll noch automatisch senkrecht landen können. Pilotenfehler merzt er insofern aus, als er stets sichere Flugbedingugen beibehält. Unsichere Manöver, die der Pilot einleitet, werden einfach nicht ausgefüht. Außerdem verfügt der Jet über einen Fallschirm.

Eine Erfindung aus München

Hinter der Erfindung stecken vier Luftfahrtingenieure und Produktdesigner der Technischen Universität München. Die Idee kam dem flugbegeisterten Firmengründer Daniel Wiegand während eines Auslandssemesters in Glasgow. Damals stieß er bei YouTube auf ein Video mit einem amerikanischen Militärflugzeug, das senkrecht startet. Um eine solche Technik für jeden zugänglich zu machen, holte er sich drei Kommilitonen ins Boot. Im Februar 2015 gründeten sie ihr Start-up, das inzwischen mehr als 35 Mitarbeiter zählt.

Auch Partner und Sponsoren unterstützen die Idee, darunter die European Space Agency (ESA). Vor Kurzem gab die Investmentgesellschaft Atomico des Skype-Mitbegründers Niklas Zennström bekannt, dass sie zehn Millionen Euro zuschießt. Nun soll das Team noch einmal erweitert werden und die ersten Flugtests sollen in den kommenden Monaten beginnen. Sieben Miniatur-Vorgänger des fliegenden E-Autos haben ihre Testläufe schon erfolgreich hinter sich gebracht. Ganze Teile stammen komplett aus dem 3D-Drucker. An ihnen experimentierten und entwickelten die Gilchinger Tüftler die Funktionsweise des Lilium-Jets. Auf der Homepage von Lilium Aviation sind Testflüge der wichtigsten Modelle zu sehen.

Bei Experten stößt die Idee unterdessen eher auf Skepsis. Der Leiter des Instituts für Flugsystemtechnik beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig, Stefan Levedag, etwa sagte kürzlich in einem Interview, er halte einen Senkrechtstart mit einem elektrischen Flugzeug für nicht realistisch. Die Batterien seien das Problem.

Vision für die Zukunft

Die Gründer von Lilium Aviation wollen beweisen, dass es machbar ist. Ihre Vision: „Es wird eine Welt geben, in der jeder zu jeder Zeit überallhin fliegen kann.“ Damit werde sich auch die Struktur von Städten ändern, in denen künftig auf viel Verkehrsinfrastruktur für Bus, Bahn, Züge und Autos verzichtet werden könne. Es müssten nur noch kleine Landepads bereitstehen. „Um aufs Land zu kommen, wird man nur noch einen 15-Minuten-Flug brauchen anstatt zwei Stunden Fahrt.“ Davon erwarten die Visonäre auch gravierende Folgen für die Entwicklung ganzer Landstriche und der Gesellschaft. „Wir werden arbeiten können wo wir müssen und leben wo wir wollen, ohne die aufreibenden Kompromisse, die heute nötig sind.“ Hauspreise in Stadt und Land würden sich angleichen.

Und sie gehen davon aus, dass der Lilium-Jet ganz neue Geschäftsideen anstößt, wie etwa Lufftaxi-Services. „Die  Menschen, die heute Mitfahrzentralen und Car Sharing Apps nutzen, sind die Lilium-Passagiere von morgen.“