Aufs Motorrad steigen und sich absolut frei fühlen. Den Fahrtwind im Haar, die Sommersonne auf der Haut und das beruhigende Gefühl der absoluten Sicherheit im Herzen – so ist in der Vorstellung der BMW Group der Biker der Zukunft unterwegs. In Los Angeles hat der Münchner Fahrzeugbauer seine Vision von einem Motorrad in rund 30 Jahren vorgestellt.

Beim emissionsfreien BMW Motorrad Vision Next 100 kommt der Fahrer ohne Helm oder Schutzkleidung wie Protektoren aus. Mensch, Maschine und Umwelt vernetzen sich dank ausgefeilter Technik. Vorausschauende, aktive Assistenzsysteme warnen den Fahrer vor heiklen Situationen und können bei Bedarf während der Fahrt auch schützend eingreifen. Motorrad und Fahrerausstattung sollen wie ein „digitaler Begleiter“ Sicherheit und Schutz bieten, heißt es von BMW – allerdings so unauffällig und zurückhaltend wie möglich. Es sei „wichtig, dass keine ständig präsente Digitalität das analoge Fahrerlebnis stört“, sagt Holger Hampf, Leiter Design Kundenerlebnis der BMW Group. Das Anzeige- und Bedienkonzept agiere daher unauffällig. So „fühlt sich der Fahrer rundum wohl und auch frei auf seiner Maschine“, versichert Hampf.

Datenbrille statt Integralhelm

Die Informationen seines Bikes bekommt der Fahrer vor allem über den sogenannten Visor, eine Datenbrille mit Windschutzfunktion. Sie ersetzt gewissermaßen den Motorradhelm und kann Daten, wie etwa eine Karten- oder eine Rückspiegelansicht, direkt in das Sichtfeld des Menschen projizieren. Der Fahrer ruft sie allein über seine Augenbewegungen auf: Schaut er nach oben oder unten, erscheint der Inhalt. Beim Blick nach vorne bleibt das Sichtfeld frei und der Fahrer ungestört. Ausnahme: Wichtige Hinweise, etwa auf Gefahren, werden automatisch eingeblendet. Sicherheit ist oberstes Gebot.

Nach Einschätzung des Industrie-Verbands Motorrad e.V. reagiert der Münchner Autobauer mit seiner Zukunftsvision genau auf die Herausforderungen der Motorradbranche. Gefragt seien „emotionale Fahrzeuge auf dem Stand der Technik“, heißt es vom Verband. „Dazu gehören moderne Fahrerassistenzsysteme, wie wir sie aus dem Automobilbau bereits kennen“, sowie die Entwicklung hin zum vernetzten Fahren. Die rasch voranschreitende Entwicklung der Automobilindustrie in Richtung autonomes Fahren werde wohl keine autonom fahrenden Motorräder hervorbringen, wohl aber einen hohen Grad der Erkennbarkeit für autonom fahrende Systeme, schätzt der Verband.

R32 – neu interpretiert

Das vernetzte BMW-Motorrad erkennt die vorausliegende Strecke und zeigt seinem Fahrer, ähnlich wie in einem Flugzeugcockpit, die aktuelle Schräglage und die Ideallinie an. Reagiert der Mensch bei zu großer Abweichung nicht, regelt das Motorrad selbst nach. Das Design halten die BMW-Entwickler in ihrem Zukunftskonzept minimalistisch und schlank. Der Rahmen soll die Form des ersten Motorrads der Münchner, die R32 aus dem Jahr 1923, neu interpretieren.

Seine Oberfläche ist aus Textil, Teile der Karosserie bestehen aus Carbon. Das variable Reifenprofil passt sich dem Untergrund an. Flexibel ist auch der Rahmen. Er spannt sich aus einem Guss vom Vorder- zum Hinterrad und kommt ohne die heute üblichen Gelenke aus. Bewegt man den Lenker, verformt sich der ganze Rahmen und die Maschine gleitet nach rechts oder links. Das geht umso leichter, je langsamer das Bike unterwegs ist. Auch der Antrieb reagiert selbständig auf Geschwindigkeit. Steht das Motorrad, liegt er eng an, beim Start fährt der Motorblock seitlich aus. Bei aller technischer Rafinesse, haben die Entwickler einen emissionsfreien Antrieb zum Ziel, wie Rudolf-Andreas Probst, Sprecher der BMW-Motorradsparte, betont. „Auch wenn bei uns im Firmenname das Wort ‚Motoren‘ enthalten ist, stand bei der Konzeption des Vision Bikes die Frage nach der Antriebsquelle nur insofern im Fokus, als dass es sich um einen emissionsfreien Antrieb handelt“, betont er und fügt hinzu: „Was es konkret ist, nennen wir aktuell nicht.“

Intellligent ist bei BMW in 30 Jahren sogar die Fahrerbekleidung, die etwa an Armen und Beinen mit einem Vibrieren darauf hinweisen kann, dass die maximale Schräglage erreicht ist. Und sie macht dem Biker auch lange Touren gemütlich. So lässt sich die Nackenpartie des Anzugs etwa mit Luft füllen, wodurch die Halswirbelsäule entlastet wird. Sensoren erfassen Puls und Körpertemperatur. Bei Hitze sitzt der luftige Anzug locker. Friert es den Biker, kuschelt sich die schlaue Kleidung der Zukunft automatisch warm an seine Haut.